Eine deutsche Anti-Odyssee
Über einen Kriegsheimkehrer, der ausgezogen war, um ein Held zu sein, der aber nicht, wie Odysseus, seine Heimat wiederfinden konnte, weil es diese nicht mehr gab. Einer der im Namen aller verführten, geschundenen, gebrochenen, namenlosen, unbekannten Täter und Opfer einen holprigen Hexameter verdient hat und einen gelegentlichen Spondeus.
Gewähre mir Kraft, o Göttin des heiligen Gesangs,
das Unaussprechliche endlich nun auszusprechen,
die Schatten zu lichten, die das Verstehen verhüllen.
Nach der gewaltigen Zerstörung, als Trümmer auf Trümmer sich häuften.
Einer, der Held sein wollte in heillosem Kriege der Deutschen.
Einer, verstrickt in den Krieg, dessen gemeinsame Schuld war
Schwerer als alle Kriege zuvor, die Menschen erfuhren.
Einer der heimwärts wollte, doch fand er kein Heimatland wieder.
Viel gewanderter Mann, irre geführt in den Zeiten.
Bliebst du gefangen in dir und mit deinen Trümmern alleine.
In verschwiegener Zeit, da schweigend die Schatten dich plagten.
Heldentum ward euch verabreicht wie das tägliche Brot.
Gleichschritt marschierend, triumphierend mit Stahlhelm und Fahne.
Held wie die anderen wolltest du sein, nach Ruhme du strebtest
Ehe du Held noch geworden, warst du vom Sockel gestürzt schon.
Treue, so schworst du, als man dich lehrte, dass Treue sei Tugend,
Darum zogst du hinaus in den Krieg, ohne Fragen, gehorsam.
Pflicht und auch Ehre, sie wurden zum Rückgrat, gaben Dir Halt,
Ohne Frage nach dem Warum – was dir blieb, war die Haltung.
Fähnlein- und Scharführer, sie befahlen dir vorwärts zum Kampf!
Zwischen den Birken im Wald und ragenden Kiefern zu lauern –
Schickten dich aus an die Front, dass du tötest die anderen im Kampfe
Doch auf dem Bohlenwege zerschlugen die Feinde dein Leben.
Du wurdest gepeinigt und grausam geprügelt von feindlichen Händen,
Ehre ward niemals dir zuteil, nein, nur die dunkle Latrine
Schwärende Wunden am Leib und Schussbruch, unsägliche Schmerzen.
Lachend verspottete dich die Geschichte, es blieb dir der Ruhm fern.
Schon mit zwanzig Jahren bist du zum ersten Male gestorben.
Unmöglich wars geworden, zu werden, der du einst hättest sein können.
Jenem ins Antlitz zu blicken, der einstmals du warst vor dem Fallen.
Als ob eine Horde von Göttern aus purer Langeweile entbrannt war
Seltsames Spiel nun mit dir trieb und dich schleuderte tief ins Heillose,
Warf dich in Zeiten, Zustände wie Treibholz dahin und wie haltlose Kugeln,
Brachte dich endlich in Lagen, denen kein Mensch je gewachsen gewesen.
Was bei Odysseus die Götter, das waren dir Staat und Geschichte.
Einer von denen, die namenlos blieben, vergessen von allen.
Endlich warst du zugleich Täter und Opfer, doch nicht, weil du schwiegst,
Sondern weil du dir selbst, viel gewanderter Mann, zu lange geglaubt hast.
Keine Insel der Heimat gab es für dich, keine sonnigen Höhen
Wo sich Neritons Haupt türmte mit ragenden, rauschenden Wipfeln.
Nimmer verstummen die Geschichten der Helden, von Ruhm und von Ehre. Menschliches Übermaß rächt sich, und endlos ist, was sich da rächet.
Schleichendes Gift der Verdrängung, Verstummen vor sich und vor anderen.
Alte Last und der stumme Raum blieben lebenslang eng nun verbunden.
Was wäre geworden in friedlichen Zeiten ohne Krieg und Vertreibung?
Anderes wäre geworden, ich selbst wäre niemals auf Erden.
Also muss ich es nehmen, so wie es war: traurig, grausam, absurd.
Unser Daseins, als ob es gleichgültig, auf Erden zu weilen.
Ausgestattet mit dem Willen zur Macht, der rasch zu Kriegen uns führet.
Was wir gerne verdrängen: wir wollen oft mehr sein, als wir vermögen.
Doch in Wahrheit kehret es ewig sich wieder: die Menschen vergessen.






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